Leseprobe zu "Franziska Donner" - die ersten "First Lady" Koreas.

Leseprobe zu "Franziska Donner" - die ersten "First Lady" Koreas.

Unsere neueste Erscheinung "Franziska - Erste 'First Lady' Koreas" lässt uns an einer der berührendsten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts teilhaben - dem Leben der Österreicherin Franziska Donner-Rhee, der erste "First Lady" Koreas.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem ersten Kapitel unserer Neuerscheinung:

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Kapitel I
Nur mit der Liebe

Genf, 1933

China, 1. Januar: Kampf gegen die japanischen Truppen in Shanghai.
Schweiz, 24. Februar: Der Völkerbund fordert den Abzug der japanischen Truppen aus der Mandschurei.
USA, 4. März: Theodore Roosevelt tritt als 32. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika seine erste Amtszeit an.
Genf, 27. März: Japan erklärt den Austritt aus dem Völkerbund.

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Hotel de Russie, Genf
In diesem Hotel lernten Syngman und Franziska einander zufällig kennen.


Der Zug Richtung Zürich war um neun Uhr von Genf abgefahren und befand sich bereits in voller Fahrt. In einem Abteil der ersten Klasse saßen sich zwei sehr gut gekleidete Frauen gegenüber, eine Mutter und ihre Tochter. Auf den Tischchen im Abteil standen Teetassen aus Porzellan, die mit dem Logo der Eisenbahngesellschaft geschmückt waren. Die beiden hatten sich offenbar gestritten. Die Anspannung, die in der Luft lag, war sprichwörtlich zum Greifen. Die Tochter, selbst schon eine erwachsene Frau Anfang 30, sah schweigend aus dem Fenster und würdigte ihre Mutter keines Blickes. Draußen präsentierte sich die Landschaft der französischen Schweiz. Weinberge zogen vorbei, und im Hintergrund bildeten die schneebedeckten Berge ein beeindruckendes Panorama. Die junge Dame hatte allerdings in jenem Moment keinen Sinn für die Schönheit der Landschaft. Während der Zug in einer großzügigen Kurve rund um den nebelumwobenen Genfer See in Richtung der nördlich gelegenen Stadt Zürich ratterte, blickte sie melancholisch aus dem Fenster. Ab und zu rann ihr eine Träne über die Wangen. Die vor ihr stehende Tasse Tee war noch unberührt.


Bekümmert sah Frau Donner ihre Tochter an. Sie hatte ihr nach der Geburt nicht nur ihren eigenen Namen - Franziska - gegeben, sondern ihr auch einen ausgeprägten Eigensinn vererbt. Franziska Donner hatte bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich, konnte aber einfach nicht verstehen, warum sich ihre Mutter immer solche Sorgen um sie machte, schließlich war sie erwachsen. Aber Mütter wollen stets das Beste für ihre Töchter. Das galt erst recht für Frau Donner, die nach dem Tod ihres Mannes nicht nur die Sodawasserfabrik, sondern auch drei Töchter durchzubringen hatte. Da waren Irritationen nicht wirklich willkommen.


Dieser Ausländer, den sie zufällig in Genf kennengelernt hatten, hat zwar durchaus einen anständigen Eindruck gemacht, aber er war so eine Irritation. Erstens war er um einiges älter als Fanny, zweitens war er Exilpräsident von Korea, und drittens hatte er kein Geld. Um Himmels Willen, dachte sich Frau Donner, was soll das für eine Zukunft sein? Es war zwar noch nichts geschehen, aber als Mutter hatte sie einen sechsten Sinn. Es mochte ihrer Fanny noch nicht bewusst sein, aber sie hatte es im Gefühl, dass dieser Staatsmann ohne Staat der Frau Tochter gefährlich nahegekommen war. Sie hatte auf einmal nur mehr von ihm, von Korea und von dem Kampf um die Freiheit des kleinen asiatischen Landes am anderen Ende der Welt gesprochen. Es war richtig gewesen, sofort aus Genf abzureisen, war sich Frau Donner sicher. Die einzige Entscheidung, die in diesem Fall Sinn machte. Frau Donner sah zu ihrer Tochter hinüber, die immer noch mit steinernem Gesicht aus dem Fenster starrte. „Die Zeit wird für uns arbeiten. Das Mädel wird schon auf andere Gedanken kommen“, dachte sie im Stillen für sich.


„Was ist denn heute hier los, Fanny? Das Restaurant ist ja völlig überfüllt. Wer um Himmels willen ist hier aller abgestiegen, dass sich Kreti und Pleti beim Dinner um freie Plätze balgen?“ Frau Donner war richtiggehend verärgert. Das Hotel De Russie, das am Ufer des Genfer Sees direkt an der Pont de Mont Blanc lag, war ein nobles und im Normalfall diskretes Fünf-Sterne-Hotel. Üblicherweise war es um diese Zeit des Tages im Hotelrestaurant ruhig, und die wenigen Gäste, die sich hier zum 5-Uhr-Tee einfanden, pflegten keinen solchen Wirbel zu veranstalten. Heute schien aber alles anders zu sein. Die meisten Tische waren bereits besetzt, es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Überall wurde heftig diskutiert und parliert, die Kellner flitzten durch das Restaurant. Vom diskreten Charme, den das Hotel einst versprüht hatte, war nichts zu spüren. Zum Glück blieb für die Damen Donner während ihres Aufenthaltes stets ein Tisch reserviert. Die beiden nahmen unaufgefordert Platz, da der Chef de Rang keine Zeit fand, sie zu begrüßen und ihnen die Sessel zurechtzurücken.


„Mutti, du solltest Zeitung lesen. Dann wüsstest du, dass heute der Völkerbund hier in Genf tagt. Deshalb sind Diplomaten und Politiker aus aller Welt angereist und überschwemmen die Stadt.“
„Ach so? Der Völkerbund sagst du, wie interessant. Und die sind jetzt alle ausgerechnet in unserem Hotel. Na bitte.“ Sie faltete die Stoffserviette, die kunstvoll drapiert vor ihr lag, mit einem energischen Ruck auseinander und sprach mit gedämpfter Stimme zu ihrer Tochter: „Und sag bitte nicht Mutti zu mir, ich bin deine Mutter und keine Mutti!“
Fanny hörte nur mit einem Ohr zu. Sie kannte die Ausführungen ihrer Mutter, die am liebsten mit „Frau Mama“, mit der Betonung auf dem zweiten „a“, angesprochen wurde, schon auswendig. Statt ihrer Mutter zuzuhören, studierte sie die Speisekarte. „C ́est exactement comme ça, Mademoiselle! Sie interessieren sich für Politik, dann sind sie in Genf heute richtig“, sprach ein eilig an den Tisch herangetretener Kellner, der sich aber, als Gäste vom Nachbartisch nach ihm riefen, mit einer kurzen Entschuldigung gleich wieder entfernte. Frau Donner murmelte, mehr zu sich selbst als zu einem anderen, dass es nur Fanny verstand: „Ja, ein Interesse für Politik, wie es sich heutzutage für eine junge Dame von Stand scheint’s geziemt. Sie liest alles, was gedruckt ist, alles, was sie in die Hände bekommt. Zeitungen, Bücher, Journale, einfach alles.“


„Höre ich da etwa Kritik von meiner strengen Frau Mama?“ „Kritik an der eigenen Tochter? Darf man das heutzutage überhaupt noch ...“ Fanny unterbrach sie: „Mama, ich bin ja kein kleines Mädchen mehr, ich bin ...“ Bevor sie zu Ende sprechen konnte, unterbrach sie der Chef de Rang, der ein wenig gehetzt schien: „Bonjour, Madame de Donner, hatten Sie schon Gelegenheit, sich ihre Bestellung zu überlegen? Oder darf ich Ihnen heute etwas empfehlen?“ Frau Donner zog eine Augenbraue leicht nach oben: „Sie könnten mir erklären, warum ausgerechnet hier und heute ein Jahrmarkt stattfindet und wir nicht mit der Aufmerksamkeit bedient werden, für die dieses Haus über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt ist.“ „Frau Baronin, ich bin mindestens so unzufrieden wie Sie, aber Sie und ich haben den Völkerbund nicht erfunden. Und ich weiß offen gestanden auch nicht, ob ich ihn überhaupt brauche. Aber die Direktion, und glauben Sie mir, in den anderen Häusern sieht es genauso aus, wird nahezu gezwungen, all diese Leute aufzunehmen. Ich glaube, wir vermieten mittlerweile sogar die Besenkammern als Einzelzimmer. Selbstverständlich würde ich es unendlich mehr genießen, mich mit Ihnen über - verzeihen Sie meine Direktheit - diese schrecklichen Zeiten zu unterhalten, aber ...“. Frau Donner, die dem Restaurantchef, oder, wie man in Wien sagen würde, dem Oberkellner, die ganze Zeit über mit unbeweglicher Miene zugehört hatte, sprach mit leiser Stimme: „Ich verzeihe Ihnen, auch als Baronin angesprochen zu werden, und würde Ihnen sogar noch schneller verzeihen, wenn Sie die Freundlichkeit hätten, mir und meiner Tochter zwei Gläser Chablis, den gleichen wie gestern Abend, zu bringen. Dazu noch dieses viel gerühmte Tafelwasser und das Abendmenü, so wie es auf der Karte steht, bitte.“
„Mama, ich hätte gerne statt dem Weißwein ein Glas Coca-Cola?“ „Oui, Mademoiselle, un Coca-Cola, très américain!“

Frau Donner zog die Augenbraue ein wenig höher und meinte: „Das wäre alles, danke.“
„Selbstverständlich, Tafelwasser, Chablis, ein Glas Coca-Cola und das Abendmenü, kommt sofort.“
„Cola-Cola, oder wie heißt das Zeug?“
„Ja, Coca-Cola. Kommt aus Amerika und mittlerweile wird es in ganz Europa angeboten! Sehr mondän.“ Während Frau Donner den Kopf schüttelte, beobachtete Fanny neugierig das Treiben im überfüllten Restaurant. Es herrschte wahrlich ein ungewöhnliches Gedränge an diesem Tag. Sie hatte gelesen, dass der Völkerbund in seiner jetzigen verkleinerten Form nach Genf umgezogen war. Die meisten Gäste, die heute hier saßen, waren zwar Europäer, doch sie entdeckte auch einige Araber, Japaner, Afrikaner und Inder, die mit bunten Turbanen auf dem Kopf an ihren Tischen saßen. Fannys Interesse richtete sich besonders auf einen Asiaten, der soeben das Restaurant betreten hatte. Obwohl er weder besonders groß noch jung war, fand sie ihn interessant. Er hatte graue Haare, trug einen dunklen Anzug und hatte das Auftreten eines großen Staatsmannes, wodurch man nicht umhinkam, ihn zu bemerken. Fanny konnte ihren Blick nur schwer von ihm lösen. Der Mann schaute sich um, offenbar war er auf der Suche nach etwas, wahrscheinlich nach einem Sitzplatz. Er sprach den Oberkellner an, der sich mit skeptischer Miene und erhobenem Kopf im Restaurant umsah. Als sich ein Kellner mit einem Servierwagen an ihm vorbeizwängte, fiel sein Blick auf den Tisch, an dem Fanny mit ihrer Mutter saß. „Schau Mama“, rief Fanny aufgeregt, „der fremde Herr dort beim Eingang ...“. „Nicht so laut, ich habe ihn schon gesehen,“ zischte Frau Donner ihrer Tochter zu. „Und ich hoffe, dass das Schicksal nicht so grausam ist und sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten werden. Höre bitte auf, ihn anzustarren.“

Mittlerweile war der Kellner mit dem Servierwagen angekommen, schenkte Frau Donner ein Glas Wein ein, stellte das Mineralwasser auf den Tisch und öffnete die kleine Flasche Coca- Cola für Fanny. Als er gerade dabei war, die Vorspeisen auf den Tisch zu stellen, kam der Chef de Rang zum Tisch. Der asiatische Gast hielt sich dezent zurück. „Excusez-moi, Madame. Ich bitte Sie mir die Zumutung zu verzeihen, aber hier ist ein Herr, der einen freien Platz sucht. Und wenn sie sich umsehen ...“ Er machte eine theatralische Geste und zog ein verzweifeltes Gesicht. „Ich hoffe, es stört Sie nicht ...“ Fanny fiel ihm ins Wort: „Mama, das ist doch ein Notfall! Da können wir einfach nicht nein sagen, oder?“
Aber so leicht wollte Frau Donner nicht aufgeben.
„Zumutung trifft es genau. Handelt es sich nur um eine Person? Hier ist nicht viel Platz, wie Sie ja sehen können.“
„Oui, nur eine Person.“
„Dann ist es doch wirklich kein Problem, nicht wahr, Mama?“
„Vielen Dank, Madame und Mademoiselle.“ Der Kellner nickte höflich, und bevor Frau Donner protestieren konnte, drehte er sich um. Fanny lächelte.
„Fanny, du weißt, dass ich das nicht mag.“ Frau Donner hatte ihre Stimme gesenkt.
Bevor sie weitersprechen konnte, deutete der Oberkellner dem neuen Gast bereits an, sich auf den freien Platz an ihrem Tisch niederzulassen. Dieser nickte den beiden Damen höflich zu und setzte sich neben Frau Donner, nicht ohne auf einen gebührlichen Abstand zu achten. Während ihr neuer Tischnachbar die Speisekarte studierte, fingen Mutter und Tochter mit der Vorspeise an. Auf Fanny machte der Mann, den sie nun ungestört aus nächster Nähe betrachten konnte, einen sympathischen Eindruck. Er hatte eine breite Stirn und Gesichtszüge, die Fanny als edel und aristokratisch empfand. Die schmalen Augen verliehen ihm etwas Fremdes, etwas Geheimnisvolles. Fanny ließ nach der Hälfte der Vorspeise von dieser ab und öffnete ein Buch, in der Hoffnung, ihre Aufregung dahinter verbergen zu können. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren.


„Sauerkraut und gekochte Kartoffeln, bitte.“ Offensichtlich schätzte der neue Gast die einfache österreichische Küche . „Und was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“
„Leitungswasser, bitte. Ich trinke keinen Alkohol.“
Fanny war davon überrascht, dass das bestellte Menü so bescheiden ausfiel. Sie erinnerte sich daran, gehört zu haben, dass Asiaten, die in Europa leben, meistens Adelige oder Millionäre seien. Der Mann, den sie nun vor sich hatte, schien keines von beiden zu sein. Zumindest schaute er bescheiden aus. Das wird der Frau Mutter nicht gefallen, sinnierte Fanny.
„Fanny, ich weiß, dass du erwachsen bist, aber genau deshalb solltest du wissen, dass sich ein solches Verhalten bei Tisch auf keinen Fall geziemt!“
Frau Donner sprach leise, aber bestimmt, was Fanny dazu veranlasste, das Buch sofort wegzulegen. Sie langweilte sich, zumal der zweite Gang ebenso wie die Bestellung des neuen Gastes auf sich warten ließen. Am Tisch herrschte Schweigen und die drei bemühten sich, jeglichen Blickkontakt zu vermeiden. „Wenn der Mann ein Europäer wäre, würde er jetzt eine Konversation beginnen“, dachte sich Fanny.
Der Asiate hingegen machte keinerlei Anstalten, eine Unterhaltung anzufangen. Er saß entspannt und doch konzentriert aufrecht am Tisch, hatte die Hände vor sich übereinander auf dem Tisch liegen, schaute abwechselnd auf die Tischdecke und in den Saal und schwieg. Da auch ihre Mutter nach wie vor schwieg, fühlte Fanny, wie sich ein unbehagliches Gefühl in ihr ausbreitete.
Schließlich ignorierte sie den verärgerten Blick ihrer Mutter und überwand sich, ihm auf Englisch eine Frage zu stellen: „Entschuldigen Sie, darf ich Sie fragen, woher Sie kommen?“
„Ja, gerne, ich komme aus Korea.“ Seine Stimme war leise, aber deutlich.
„Wirklich? Aus Korea, wie interessant!“
Sie erinnerte sich an einige Begriffe, die sie im Zusammenhang mit Korea gehört hatte.
„Ich habe schon vom Berg Kumgang gehört. Ist er wirklich so schön, wie alle behaupten?“
Der fremde Gast war sichtlich überrascht und seine Miene hellte sich ein wenig auf.
„Sie kennen den Berg Kumgang? Waren Sie etwa schon einmal in Korea?“
„Nein, ich bin Mitglied eines Leseclubs, in dem wir einmal ein Buch über Korea gelesen haben. Ich habe mir noch etwas anderes gemerkt, ‚Yangban’.“
„Das bedeutet in meiner Sprache Adeliger. Sie scheinen bereits mehr über meine Heimat zu wissen, als die Mehrheit der hier in Genf anwesenden Menschen!“ Fanny dachte kurz darüber nach, ob das vielleicht ironisch gemeint war. Für einen kurzen Moment schweiften ihre Gedanken ab. Da ihr nichts mehr zu Korea einfiel, wechselte sie rasch das Thema.

„Sie sprechen ein ausgezeichnetes Englisch. Gestatten Sie mir, uns vorzustellen?“ Sie ignorierte den entsetzten Blick ihrer Mutter und fuhr fort: „Mein Name ist Franziska, und das ist meine Mutter, Frau Donner.“
„Frau und Fräulein Donner, es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Sie gestatten mir, mich ebenfalls vorzustellen. Mein Name ist Syngman Rhee.“
Da ihre Mutter, die mit dem Kopf nur leicht nickte, kein Englisch verstand, sprach Fanny auf Französisch weiter: „Wir kommen aus Wien und machen für eine Woche Urlaub in diesem Hotel.“
„Ach, sind Sie Österreicherinnen?“, antwortete Rhee auf Französisch, er wechselte scheinbar mühelos die Sprache.
„Ihr Französisch ist ebenfalls ausgezeichnet. Leben Sie in Frankreich oder in England?“
„Nein, weder noch, ich lebe in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich musste Korea aus politischen Gründen vor zwanzig Jahren verlassen.“
„Das tut mir leid. Dann sind Sie so etwas wie ein Exilpolitiker und kämpfen im Ausland um die Freiheit Ihres Landes?“
Fanny wusste, dass Korea seit mehr als 20 Jahren von Japan besetzt und so etwas wie eine japanische Kolonie war.
„So könnte man es kurz zusammenfassen.“
Endlich brachten die Kellner das Essen.
Fanny war mit ihren Gedanken noch immer bei dem fremden Tischnachbarn. Sie war sich nicht sicher, ob seine Stimmung gedämpft oder ob er nur zurückhaltend war. Sie ließ sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Ein Exilpolitiker, der sein Land verlassen hatte müssen. Sie dachte gleich an Revolutionen und deren heldenhafte Revolutionäre und flammende Reden. Sie war sich sicher, dass Herr Rhees Aufenthalt in Genf auf irgendeine Art mit den derzeit laufenden Sitzungen des Völkerbundes in Zusammenhang stand und stellte sich die Frage, ob er Mitglied der Königsfamilie war, also ein „Yangban“, ein Adeliger. In diesem Falle wäre er König von Korea. „Reich dürfte er nicht sein“, dachte sich Fanny, „außerdem isst er kein Fleisch oder kann mit unserer europäischen Küche nichts anfangen.“ Fragen über Fragen schwirrten durch ihren Kopf. Sie hatte immer schon eine lebhafte Fantasie und einen rebellischen Geist gehabt. Da ihre Mutter jedoch noch immer schwieg, beschloss auch Fanny, den Mund zu halten. Obwohl sie es fast nicht aushielt, weil sie den koreanischen Mann noch weiter befragen wollte. Dieser Wunsch ging jedoch in diesem Moment nicht in Erfüllung, denn als Herr Rhee schon fast fertig gegessen hatte, trat ein Mitarbeiter des Hotels an den Tisch.
„Herr Doktor Rhee, ein Journalist aus Bern erwartet Sie in der Lobby. Er meinte, Sie hätten einen Termin vereinbart.“
„Vielen Dank. Wären Sie so liebenswürdig, ihm auszurichten, dass ich gleich bei ihm bin?“
Er beendete seine Mahlzeit und wartete, bis der Kellner den Teller abserviert hatte, bevor er aufstand und sich höflich von den Damen verabschiedete.
„Danke vielmals, dass Sie so freundlich sind, mir zu gestatten, an Ihrem Tisch Platz nehmen zu dürfen. Verzeihen sie bitte nochmals die Störung ihres Dinners. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich mich jetzt entfernen. Mich ruft leider meine Arbeit, sonst wäre es mir ein Vergnügen gewesen, Ihnen noch länger Gesellschaft leisten zu dürfen. Guten Abend, Madame. Guten Abend, Mademoiselle!“


Er verbeugte sich und schnellen Schrittes ging er durch das Lokal zum Ausgang. Während Fanny ihm nachdenklich nachschaute, betrachtete ihre Mutter sie. „Diesen Blick kenne ich, gnädige Frau Tochter. Wie froh ich bin, dass der Herr in den USA lebt und wir in Wien leben. Sonst müsste ich mir Sorgen machen, wer in Zukunft die Sodawasserfabrik führen wird.“
„Mama, was meinst du damit?“
„Na ja, man wird doch noch realistisch sein dürfen. Ein koreanischer Exilpolitiker als Exil-Schwiegersohn in den USA, das fehlt mir gerade noch. Genauso eine überflüssige Existenz wie, na, wie heißt der überambitionierte Herr Sohn des letzten Kaisers? Du bist doch die große Zeitungsleserin.”
„Otto Habsburg, so heißt der Sohn des letzten österreichischen Kaisers. Den meinst du wahrscheinlich. Und wie kommst du auf die Idee, dass ich ...”
„Genau, der will doch nur wieder Kaiser von Österreich werden. Als ob uns das helfen würde!”


In der großzügigen Lobby des Hotels herrschte auch am nächsten Tag ein reges Treiben. In der Mitte des Hotelempfangs saß Frau Donner in einem ledernen und gemütlich aussehenden Fauteuils und las in einem kleinen Buch. Immer wieder schaute sie hinüber zum Eingang, als ob sie jemanden erwartete. Und wirklich, als Franziska durch die große Drehtür hereinkam, legte ihre Mutter das Buch weg, und geduldete sich, bis ihre Tochter bei ihr angelangt war.

„Das ist sehr freundlich, dass du endlich erscheinst! Ich musste nicht nur alleine frühstücken, sondern auch jetzt noch eine Ewigkeit auf dich warten, obwohl du scheinbar noch zu nachtschlafener Zeit aufgestanden bist.“ Fanny küsste ihre Mutter auf die Wange und zog aus dem Paket Zeitungen, das sie unter dem Arm trug, eine hervor.
„Sei mir bitte nicht böse Mama, aber ich habe nicht schlafen können und da kann ein Seespaziergang am frühen Morgen wirklich Wunder bewirken!“
Frau Donner betrachtete ihre Tochter und seufzte. Franziskas Temperament und undamenhaftes Benehmen waren eindeutig ihrem Mann Robert zuzuschreiben. Fanny, die jüngste der drei Schwestern, sollte seinen Betrieb nach seinem Ausscheiden weiterführen. Da er keinen Sohn hatte, erzog er sie einfach wie einen Buben.
„Was hast du da? Du weißt doch, dass ich keine Zeitungen lese.“
„Macht nix, das hier solltest du lesen, Mutti.“
Sie schwenkte die Zeitung aufgeregt vor dem Gesicht ihrer Mutter.
„Schau dir einmal dieses Bild an.“ Fanny hatte gegenüber von Frau Donner Platz genommen und hielt ihr eine aufgefaltete Zeitung hin. „Das ist der Herr, der gestern mit uns am Tisch saß.“ Frau Donner griff langsam nach der Zeitung: „Ach so? Was du nicht sagst? Und sag nicht immer Mutti zu mir!“ Frau Donner setzte ihre Brille auf.
„Wenn ich aufgeregt bin, rutscht mir das ‚Mutti’ eben raus. Ich finde es nicht schlimm, im Gegenteil! Aber jetzt schau, wen wir gestern kennengelernt haben. Wer da gestern bei uns saß. Da, über dem großen Bild! Lies die Schlagzeile.“
Das Bild des Mannes befand sich auf der Titelseite der „La Tribune D ́Orient“. Auf dem Bild trug der Koreaner eine rundliche Brille, die er am Vortag nicht aufgesetzt hatte. Frau Donner, die in der Schule Französisch gelernt hatte, übersetzte die Überschrift des Artikels: „Freiheit für Korea! Ach ja, er hat sich uns als Koreaner vorgestellt.“
„Da steht auch sein Name. Er ist Doktor der Philosophie und hat unter anderem in Princeton studiert. Und ich habe recht gehabt, er ist Präsident der Exilregierung Koreas. Ist das nicht großartig?“
Frau Donner ärgerte sich, dass ihre Tochter so viel Interesse an dem Ausländer zeigte.
„Ja, und wenn schon. Ist Korea ein so armes Land, dass der Präsident sich nur Sauerkraut und ein paar Kartoffeln leisten kann?“
Fanny protestierte: „Das bedeutet nur, dass er ehrlich ist und keiner von jenen Politikern, die auf Spesen in Luxus schwelgen, während die Bevölkerung verhungert.“
„Du weißt, Politik interessiert mich nicht. Im Übrigen ist mir ein anpassungsfähiger Reicher lieber als ein ehrlicher Armer.“
Fanny wurde heftiger und lauter: „Wieso machst du ihn so herunter? Ich hasse Menschen, die nur an sich selbst denken. Verstehst du nicht, dass er für eine gute Sache kämpft, für die Freiheit seines unterdrückten Landes? Weißt du was, Mama?“, und das Wort Mama betonte sie sehr deutlich, „mir reicht es für heute, ich habe genug. Ich gehe jetzt aufs Zimmer, ich war ja schon an der frischen Luft. Grüß Gott.“ Sie stapfte energisch Richtung Lift. Frau Donner sah ihrer Tochter nach und schüttelt den Kopf. „Nicht gut, liebe Fanny, gar nicht gut. Jetzt wäre mir sogar dieser Kaisersohn, dieser Otto, lieber.“

 

Die Vorbehalte der Mutter waren nicht ganz unbegründet, wie die Vergangenheit bewiesen hatte. Fanny wollte selten das, was sich ihre Eltern für sie wünschten. Kaum 19 Jahre alt, hatte sie sich in einen Rennfahrer namens Helmut verliebt. Die Eltern versuchten mit aller Kraft, die Ehe zu verhindern. Es gab religiöse Unterschiede, da die neue Liebe ihrer Tochter evangelisch war und die Donners Katholiken waren. Auch war es für die Familie schwierig, sich für eine Heirat mit einem Rennfahrer zu begeistern. Seine Chancen, bei einem Unfall ums Leben zu kommen, waren größer, als seine Rennen zu gewinnen. Dennoch waren jegliche Verhinderungsversuche durch Zureden zum Scheitern verurteilt. Letztendlich setzte Fanny ihren Willen durch. Die Ehe geriet dann allerdings zum Debakel. Helmut war ständig hinter anderen Frauen her, und sie auch hinter ihm. Er war ein umschwärmter Rennfahrer, was Anfang der 1920er Jahre sehr nach Abenteuer klang. Viele Tage ihrer Ehe verbrachte Fanny alleine zu Hause. Nach drei Jahren hatte sie genug. Sie ließ sich von ihm scheiden und kehrte zu ihrer Mutter zurück, die sie erfreut willkommen hieß. Ihr Vater war inzwischen verstorben. Frau Donner führte nach dem frühen Tod ihres Mannes Robert dessen Geschäfte, die Produktion von Sodawasser und die Verwaltung der Liegenschaften, weiter und wollte das Unternehmen, wie es auch von ihrem Mann vorgesehen worden war, eines Tages an Fanny übergeben.
Fanny war die jüngste von drei Töchtern. Sie liebte Mathematik und Fremdsprachen. Nach ihrem Handelsschulabschluss, der ihr die notwendigen wirtschaftlichen Kenntnisse vermittelte, hatten ihre Eltern sie für zwei Jahre nach Schottland geschickt, damit sie ihre Englischkenntnisse perfektionieren konnte. Dann kam die unglückliche Episode mit dem Rennfahrer Helmut. Nach der Scheidung war ihr Interesse an Männern merklich abgekühlt. Stattdessen entwickelte sie eine Begeisterung für Politik und nahm eine Tätigkeit als Dolmetscherin auf.


Nach der neuesten Episode in Genf hatte Frau Donner wieder einmal allen Grund, voller Entsetzen in die Zukunft zu blicken. Ihre Tochter schien ausgerechnet Gefallen an einem Ausländer zu finden, der ihr Vater hätte sein können. Der Asiate war zwar Doktor der Philosophie und Exilpräsident von irgendeinem Land, aber konnte er auch eine Familie ernähren. Wehret den Anfängen. Für Frau Donner stand fest, dass sie dafür sorgen musste, dass Fanny gar nicht erst auf den Gedanken kam, weiter über den Herrn aus Korea nachzudenken.


Fanny war auf der Chaiselongue im Zimmer eingeschlafen. In der Hand hielt sie noch das aufgeschlagene Buch, in dem sie gelesen hatte, bevor sie eingenickt war. Frau Donner streichelte ihr sanft über die Wange, küsste sie zart und flüsterte: „Es tut mir leid, Fanny. Ich wollte nicht so abweisend sein.“ Fanny antwortete verschlafen: „Schon gut, Mama. Ich weiß, dass du es nur gut mit mir meinst.“

„Du könntest ja diesem Doktor den Zeitungsausschnitt mit dem Artikel über ihn schenken. Er scheint im gleichen Hotel wie wir zu wohnen und freut sich womöglich darüber.“

„Zeitungsausschnitt!“ Fanny fuhr hoch und schaute ihre Mutter mit weit aufgerissenen Augen an. „Zeitungsausschnitt, genau.“ Sie sprang auf, lief zum Papierkorb in der Garderobe des Zimmers und wühlte darin herum wie ein wild gewordenes Tier. Als sie endlich fand, was sie gesucht hatte, zog sie die Seite mit dem Foto von Dr. Rhee auf dem Titelblatt aus dem Papierkorb und hielt sie triumphierend in die Luft. „Da ist sie. Gott sei Dank ist der Papierkorb noch nicht ausgeleert worden.“

In diesem Moment traf Frau Donner die Entscheidung, gemeinsam mit ihrer Tochter Genf so schnell wie möglich zu verlassen. Sie hoffte zwar, dass der Altersunterschied sich als Problem offenbaren und Fanny das Interesse an dem Herren aus Korea bald wieder verlieren würde, doch zugleich kannte sie ihre Tochter nur zu gut. Fanny war schon immer gut für jedwede Überraschungen gewesen. Warum sollte es ausgerechnet in dieser Situation anders sein?

Als Syngman Rhee das Hotel betrat, war es schon fast Mitternacht. Die am Tag so belebte Hotelhalle war menschenleer und wirkte jetzt viel größer als noch einige Stunden zuvor. Das Haus strahlte wieder jenen diskreten Charme und jene Ruhe aus, die die Gäste des Hauses üblicherweise erwarteten. Syngman wandte sich an den Rezeptionisten.

„Guten Abend, Herr Doktor! Kann ich etwas für Sie tun? Das Restaurant hat leider schon geschlossen, aber ich kann Ihnen eine Kleinigkeit aufs Zimmer bringen lassen. Zimmerservice ist, wie Sie wissen, rund um die Uhr möglich.“ Herr Bernd mochte den zurückhaltenden und bescheidenen Koreaner, dessen Benehmen ihn an die großen Zeiten des Hotels erinnerte, als noch gekrönte Häupter in ihm abgestiegen waren. Er empfand den Unterschied zum durchschnittlichem Gast von heute als ein klein wenig bedauerlich. Vor allem die Herren, die jetzt zu den Tagungen des Völkerbundes nach Genf reisten. Früher hätte ein Gast wohl kaum an der Rezeption eines Hauses wie des Hotel de Russie laut auf sich aufmerksam gemacht, um nach einem reservierten Zimmer zu verlangen. Normalerweise kannten er und seine Kollegen die Herrschaften, die hier abstiegen und meist die gewohnten Zimmer und Suiten bezogen. Das hatte sich mit der wachsenden Zahl an der auf Spesen Reisenden dramatisch verändert. „Nein, vielen Dank, Herr Bernd, das ist liebenswürdig, aber ich habe schon zu Abend gegessen.“ Syngman vermied jede unnötige Ausgabe. Natürlich war er noch hungrig, doch die Preise im Hotel konnte er sich nur schwerlich leisten. Ab und zu war es unvermeidlich, wie letztens, als er nirgendwo anders auf den Interviewtermin mit dem Redakteur der „La Tribun D ́Orient“ warten konnte. Der Kellner hatte ihn missverstanden und ihm einen Platz im Speisesaal gesucht. Syngman war es zu peinlich gewesen, nach diesen Umständlichkeiten, die er verursacht hatte, einfach wieder zu gehen. Besonders, weil die beiden Damen womöglich geglaubt hätten, dass er ihretwegen nicht am Tisch Platz genommen hätte, was eine schreckliche Situation gewesen wäre. Aus diesem Grund hatte er eine preislich akzeptable Bestellung aufgegeben und sich im Kopf sogar eine höflicher Erklärung seiner Ernährungsgewohnheiten zurechtgelegt. Dass ihn der Geschmack von Sauerkraut an seine Heimat Korea erinnerte, war in einer solchen Situation kaum darstellbar.

Er war jetzt seit mehr als 20 Jahren im Exil, hatte nur wenige Mittel zu seiner Verfügung und war auf Spenden und die Einnahmen seiner Schule in Honolulu angewiesen. Den Großteil der Einkünfte gab er für seine Reisen und Hotelaufenthalte aus, wodurch nur wenig für die Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse übrig blieb. Der Vater Syngmans war noch ein wohlhabender Yangban, ein Mitglied der Königsfamilie, das niemals gearbeitet hatte. Der junge Syngman hatte daher eine exzellente Erziehung und Ausbildung genossen. Nur war der Reichtum seines Vaters seinem Namen nicht gerecht worden und hatte leider nicht gereicht. Nicht zuletzt, weil er das Geld mit beiden Händen ausgab. Die Familie stand plötzlich ohne Vermögen da, und seine Mutter musste die letzten Jahre schwer arbeiten, um alle über Wasser zu halten.
Seitdem war er im Grunde mittellos. Wie Fanny gemutmaßt hatte, opferte Syngman seine Existenz als gut situierter Großbürger und Gelehrter dem Kampf um die Freiheit Koreas.

„Irgendwelche Nachrichten für mich, Herr Bernd?“ Der Rezeptionist überreichte ihm die Post in einer kleinen, eleganten Mappe, die mit dem Wappen des Hotels versehen war.
„Die habe ich Ihnen schon hergerichtet, Herr Doktor, bitte sehr. Heute sind wieder viele Briefe für Sie eingetroffen. Ich hoffe, Ihre heutigen Bemühungen beim Völkerbund waren erfolgreich?“ Syngman bedankte sich höflich und antwortete: „Wissen Sie, ich hege da gewisse Zweifel. Nachdem mein Land von den Japanern von der Landkarte gefegt worden war, dachte ich mir, der Feind meines Feindes ist mein Freund. Nur hier beim Völkerbund ist es manchmal schwer zu unterscheiden, wer nach dieser Logik wirklich mein Freund ist, weil nicht immer klar ist, wer wessen Feind ist.“ Er begann, die Schriftstücke in der Postmappe durchzublättern. Bei einem Hotelkuvert ohne Absender hielt er inne. „Herr Bernd ...?“
„Ja, Herr Doktor?“
„Dieses Kuvert ohne Absender ist doch ein Hotelkuvert. Wissen Sie, wer das abgegeben hat?“ „Nein, leider nicht, Herr Doktor. Den Brief hat ein Kollege angenommen. Er ist morgen wieder tagsüber im Dienst.“ Syngman bedankte sich und wandte sich zum Lift.


Das Hotelzimmer Syngmans war bescheidener als jenes, das die Donners bezogen hatten. Es handelte sich, wie der Chef de Rang sagen würde, um eine „Besenkammer“, die dem Hotel ohne viel Aufwand zusätzliche Einnahmen einbrachte. Ohne jeglichen Anspruch auf Exklusivität bot es ein sehr einfaches Bett, ein Nachtkästchen, einen Kleiderkasten und einen Tisch mit mehreren Sesseln. Das Mobiliar war schlicht gehalten, immerhin hatte das Zimmer ein Waschbecken mit fließendem Wasser und eine moderne Heizung. Mehr als diese „Besenkammer“ konnte sich der Exilpolitiker, dessen Delegation aufgrund der knappen Mittel nur aus ihm bestand, auch nicht leisten.

Syngmans Devise, die er dem Rezeptionisten kurz erläutert hatte, schwebte unentwegt im Hintergrund seiner politischen Überlegungen. Es galt der Satz „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Und die Voraussetzungen für Interventionen zu Gunsten Koreas waren so günstig wie noch nie. Die öffentliche Meinung richtete sich seit der Annexion der Mandschurei zunehmend gegen die Japaner. Mit ihren brutalen Methoden und ihrem Chauvinismus hatten sie sich in der ganzen Welt zunehmend unbeliebt gemacht. Besonders China und die westlichen Länder fühlten sich plötzlich von Japan bedroht. Rhee sah deren Gegner daher als potenzielle Verbündete Koreas. Er war schließlich im Namen der koreanischen Exilregierung nach Genf gekommen.

Syngman nahm in seinem Zimmer am Tisch Platz und trank ein Glas Leitungswasser, während er die Post durchging. Der Brief ohne Absender hatte ihn neugierig gemacht, er öffnete ihn als erstes. Heraus fiel ein Zeitungsausschnitt mit seinem Bild auf der Titelseite. Es war das Interview, das er dem Schweizer Redakteur in der Hotelhalle gegeben hatte. Ansonsten enthielt der Umschlag keine weitere Nachricht.

Fanny bummelte mit ihrer Mutter Arm in Arm durch das Einkaufsviertel von Genf. Hier war von den Spuren des Ersten Weltkriegs und der weltweiten Wirtschaftskrise nichts zu bemerken. Die Geschäfte stellten stolz ihre Luxusartikel zur Schau, und auf den Straßen flanierten Frauen in kostbaren Pelzmänteln. Frau Donner hielt vor einer Boutique an.

„Schau, der schöne Mantel! Ganz sicher ein Lamapelz. Und so hübsch, ganz weiß! Darin würdest du wunderbar aussehen, Fanny. Der Mantel stünde dir sicherlich gut!“
„Ja, sehr schön.“
„Na, dann los, lass uns hineingehen und ihn anprobieren. Dann werden wir sehen, ob er dir wirklich so gut passt, wie wir glauben!“ Fanny verzog das Gesicht. „Muss das denn sein? Ich habe doch schon eine umfangreiche Garderobe. Und schau, was der kostet. Lass mich mal umrechnen.“ „Papperlapapp, Fanny! Ich werde dir zwei Sachen verraten. Erstens kann eine Frau von Welt nie genug Kleidung besitzen, und zweitens kannst du erst beurteilen, was wir uns leisten oder auch nicht leisten können, wenn du das Unternehmen übernommen hast. Also hinein mit uns! Hier in der Schweiz muss man sich nämlich nicht genieren, wenn man sein Geld für sündhaft teure Kleidung ausgibt.“

Fannys Interesse an Mode war nicht besonders ausgeprägt, weshalb Kleidung für sie selten eine Versuchung darstellte. Trotzdem hatte sie Geschmack, schließlich war ihre Familie wohlhabend, und Fanny hatte es niemals an etwas gemangelt. An einem Zeitungskiosk hingegen konnte sie nicht einfach so vorbeischlendern. Sie genoss es, ausführlich die Schlagzeilen der Tageszeitungen zu studieren und in diversen Magazinen zu blättern. Frau Donner war indessen gezwungen, ungeduldig vor einem nicht weit entfernten Schaufenster zu warten. „Mama, warte doch einen Moment, lauf mir bitte nicht davon!“ Fanny eilte ihrer Mutter mit einigen frisch gedruckten Zeitungen hinterher. Diesmal war in mehreren Zeitungen ein Bild von Syngman Rhee auf dem Titelblatt.
„Ich werde ihm auch diese Zeitungen im Hotel zukommen lassen. Was meinst du? Für die letzte hat er sich doch auch bedankt.“
„Wieso nicht? Aber bist du sicher, dass er sich noch in Genf aufhält? Wer weiß, vielleicht ist er schon abgereist.“
„Nein. Ich vermute, dass wir ihn nur deshalb nicht im Hotel sehen, weil er sehr beschäftigt ist. Ich bin mir sicher, dass er noch in der Stadt ist.“
Für Frau Donner reichte die Konversation über Zeitungen und ganz besonders über diesen merkwürdigen Exilkoreaner.
„Komm, Fanny, gehen wir noch eine Tasse heiße Schokolade trinken und kaufen uns dazu eine Schachtel Pralinen aus feiner Schweizer Schokolade.“ Für heiße Schokolade und Pralinen vergaß Fanny liebend gern die Zeitungen und sogar den geheimnisvollen Mann aus Asien.
Syngman saß auf dem Bett seines Hotelzimmers und öffnete einen Briefumschlag. Es war das zweite Kuvert ohne Absender. Allerdings hatte er mittlerweile herausgefunden, wer ihm den Zeitungsausschnitt geschickt hatte. Der Rezeptionist, der den Brief entgegengenommen hatte, war am nächsten Tag recht gesprächig.

„Diesen Briefumschlag? Den hat Mademoiselle Donner abgegeben.“
Der Hotelangestellte erinnerte sich noch genau an die junge Frau, die ihm zwei Franken Trinkgeld gegeben hatte. „Mademoiselle Donner?“
„Ja, die junge Frau, die mit ihrer Mutter bei uns abgestiegen ist. Die beiden sind Ihnen sicher schon aufgefallen. Die elegante ältere Dame und ihre charmante Tochter. Aus Wien, die beiden kommen aus Wien.“
Syngman erinnerte sich an das Erlebnis im Hotelrestaurant vor ein paar Tagen. Der Rezeptionist beugte sich vertraulich nach vorne und sagte mit leiser Stimme:
„Die beiden haben in unserem Haus ein Zimmer für eine Woche reserviert. Mademoiselle Donner, das Fräulein Tochter, ist doch sehr nett. Geradezu reizend, finden Sie nicht auch, Herr Doktor?“
Syngman antwortete nicht. Er wunderte sich nur über die etwas seltsame Bemerkung, die der Rezeptionist über andere Hotelgäste soeben von sich gegeben hatte.


„Wären Sie so freundlich, mir ein Blatt Papier zu geben?“ Der Rezeptionist reichte Syngman ein Blatt des offiziellen Hotelbriefpapiers für Gäste und einen Briefumschlag. Syngman schrieb eine kurze Notiz:

Ich danke Ihnen, dass Sie so freundlich zu mir waren. – Syngman Rhee

Das war gestern, er wollte höflich sein und hatte sich tatsächlich über den Zeitungsausschnitt gefreut, den er ohne die aufmerksame Geste der jungen Frau wohl kaum zu lesen bekommen hätte. Und jetzt hatte er schon wieder so einen Briefumschlag erhalten. Er verspürte ein wenig Angst, ihn zu öffnen. Es waren diesmal sogar mehrere Zeitungausschnitte, schließlich hatte er die letzten Tage auch mit etlichen Journalisten gesprochen. Syngman hatte es sogar auf mehrere Titelseiten geschafft. Es fühlte sich gut an, zu sehen, wie er zumindest von den Zeitungen zur Kenntnis genommen wurde. Er las die Artikel mehrere Male aufmerksam durch und ärgerte sich ein wenig, weil es ihm sichtlich nicht immer gelungen war, seine Anliegen verständlich zu formulieren oder zumindest dafür zu sorgen, dass wirklich alles korrekt wiedergegeben wurde. Nachdenklich lehnte er sich auf dem Bett zurück und deponierte die Zeitungsausschnitte auf dem Nachtkästchen. Seine Augen fielen, übermüdet wie er war, langsam zu, und er schlief noch mit den Kleidern am Körper ein.

In der Früh setzte sich Syngman, kurz bevor er das Zimmer verlassen wollte, an den Tisch und schrieb ein paar Zeilen auf das Hotelbriefpapier, das ihm der Hotelangestellte am Vorabend gegeben hatte. Dann steckte er den Brief in das gleiche Kuvert, in dem ihm die Zeitungsausschnitte geschickt worden waren. Er wollte sich wieder bei der freundlichen jungen Dame bedanken. In dem Moment erinnerte er sich an ein gemütliches Caféhaus, das ihm bei einem seiner Spaziergänge am Genfer See aufgefallen war. Das war der geeignete Ort, um sich bei der jungen Dame persönlich zu bedanken.

Fanny trat aus dem Eingang des Hotels und sah auf ihre Uhr. Sie war bereits um eine Viertelstunde verspätet. In fünf Minuten konnte sie im Café sein. Aufgeregt machte sie sich entlang der schneebedeckten Straße auf den Weg. Sie konnte es kaum glauben! Syngman Rhee hatte sie auf einen Kaffee eingeladen! Ihrer Mutter hatte sie gesagt, sie habe Kopfschmerzen und wolle jetzt am Nachmittag einen Spaziergang am Seeufer machen. Zum Abendessen wäre sie wieder zurück. Gott sei Dank war das Café nicht weit weg vom Hotel, sonst wäre es Fanny schwer gefallen, eine Ausrede zu finden.

Als sie vorsichtig die Tür des Caféhauses öffnete, klingelte eine kleine Glocke. Syngman hob den Kopf und sah Fanny in die Augen. Auf ihren Schultern und ihrem Hut lag Schnee, sie war leicht außer Atem. Syngman stand auf.
„Miss Donner, ich freue mich, Sie wiederzusehen. Bitte nehmen Sie Platz.“
„Es tut mir leid, Herr Doktor Rhee, dass ich mich verspätet habe. Hoffentlich haben Sie nicht zu lange gewartet.“
„Aber ich bitte Sie, Miss Donner. Es war mir ein Vergnügen, auf Sie zu warten.“
Er nahm ihr den Mantel ab und sie setzten sich. Der Kellner kam zu ihrem Tisch, um die Bestellung entgegenzunehmen.
„Miss Donner, was möchten Sie trinken?“
„Ich möchte gerne eine Tasse heiße Schokolade und eine Flasche Wasser.“
Fanny freute sich und war auch ein wenig aufgeregt. Sie hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken gehabt, als ihr der Rezeptionist den Brief mit der Einladung ins Caféhaus übergab.

Zum Glück war die Mutter nicht dabei gewesen. Und nun saß Fanny tatsächlich vor diesem Mann mit dem staatsmännischen Auftreten im Café. Sie hatte so viele Fragen, dass sie gar nicht wusste, wo sie beginnen sollte. Als der Kellner die heiße Schokolade servierte, war die Konversation noch immer nicht über eine oberflächliche Plauderei hinausgegangen. Fanny trank von ihrer heißen Schokolade und wusste nicht, wie sie das Gespräch auf interessantere Themen lenken sollte. Schließlich war sie nicht gekommen, um nur über das Wetter oder die Schönheit der Schweiz zu plaudern. Syngman löste dieses Problem für sie: „Ich danke Ihnen nochmals, dass Sie mir die Zeitungsausschnitte geschickt haben. Das war sehr aufmerksam von Ihnen. Offenbar haben Sie Interesse an meinem Vaterland?“
„Ich habe die Zeitungsartikel gelesen und kann nur sagen, dass ich von ganzem Herzen hoffe, dass Ihr Land bald wieder frei sein wird.“
Syngman war von diesen Worten Fannys seltsam berührt. Zwar hatte er das auch schon aus den Mund von Diplomaten und Politikern gehört, aber aus dem Mund dieser jungen Frau klangen sie ehrlicher und herzlicher. Es fühlte sich einfach herzerwärmend an, wenn Fanny über sein Lebensziel sprach.
„Ja, Miss Donner, Korea wird seine Freiheit wiedererlangen. Davon bin ich fest überzeugt!“

Er nahm einen Schluck Wasser.
Nach einer kurzen Pause fragte Fanny: „Gibt es in Korea auch Schnee?“ Im selben Moment beschimpfte sie sich innerlich als dumme Gans. Schon wieder redete sie über das Wetter!


„Aber natürlich“, versicherte ihr Syngman und beobachtete durch das Fenster die fallenden Schneeflocken. Er erinnerte sich an die koreanische Winterlandschaft, an die schneebedeckten Bergspitzen und kleine, im Winter zugefrorene Bäche. Im Frühling, wenn es wärmer wurde, blühten die Forsythien und Azaleen, und Kinder ließen überall ihre Drachen steigen.
„Korea ist ein wunderbares Land, ich vermisse es jeden Tag“, erzählte er. „Und selbstverständlich schneit es im Winter. Korea hat wie Europa vier Jahreszeiten, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Im Winter ist es sehr kalt, noch kälter als hier. Im Frühling blühen die Wiesen, die Sommer sind sehr verregnet. Im Herbst ist das Land mit goldenen Reisfeldern bedeckt, die eine gute Ernte verheißen. Und die Bäume färben sich im Herbst rot und gelb, sie wirken wie in Seide gestickt. Deswegen bezeichnen die Chinesen unser Land als ‚das Land wie gestickte Seide’.“
Wenn Syngman über seine Heimat erzählte, klang seine Stimme hell und klar. „Dieses Land bewohnen wir Koreaner seit mehr als fünftausend Jahren. Niemals haben wir einen anderen Staat besetzt. Wir sind ein friedliebendes Volk.“
Fanny hörte ihm aufmerksam zu.

„Wissen Sie, Japan hat von Korea viel gelernt. Kultur, Technik, Wissenschaft, eigentlich fast alles. Die Japaner haben uns zuerst den Reis und dann die Kulturgüter entweder abgebettelt oder geraubt.“
„Wirklich? In Europa herrscht die Meinung vor, dass Japan ein hochentwickeltes Land mit einer reichen Kultur sei.“ Syngman trank einen Schluck Kaffee.
„Das stimmt auch alles, nur verdanken sie davon vieles uns und den Chinesen, die für ihren Erfindungsreichtum bekannt sind.

Manche der asiatischen Errungenschaften sind ja auch bis nach Europa gekommen.“
Fanny nickte zustimmend. Syngman überlegte kurz. „Es war immer ein Geben und Nehmen. Natürlich lief das auch in die andere Richtung. Die wichtigsten Innovationen, die der Westen nach Asien gebracht hat, waren Verkehrsmittel wie die Eisenbahn, Autos, große Schiffe, aber auch die modernen Kriegsgeräte. Nicht zu vergessen das politische System, die Demokratie!“
„Die ist für uns in Österreich streng genommen auch noch relativ neu.“
„Stimmt, Sie haben ja bis vor knapp zehn Jahren noch in einem Kaiserreich gelebt. Aber soweit ich weiß, hatte Österreich schon damals erste Ansätze zu einer demokratischen Gesellschaft. Das erste fernöstliche Land, das sich vom Westen beeinflussen ließ, war zwar Japan, aber von einer Demokratie kann dort keine Rede sein. Korea hat es leider verabsäumt, das Tor zum Westen rechtzeitig zu öffnen. Dennoch hat Japan im Vergleich zu anderen Staaten einen großen Nachteil.“ „Das ist interessant, welchen Nachteil?“, fragte Fanny, als Syngman eine kurze Erzählpause einlegte.

„Japan ist ein Nachzügler, vor allem, was die Industrialisierung betrifft, die zum Beispiel in Europa und den USA schon vor mehr als 100 Jahren begann. Es ist daher mehr als andere Länder auf den Krieg und die Eroberung angewiesen. Darunter haben wir Koreaner ebenso zu leiden wie alle anderen Staaten, die von der Expansionswut der Japaner betroffen sind, und vor allem noch betroffen sein werden!“
Fanny fühlte sich von seinen Worten verzaubert und berührte, ohne weiter darüber nachzudenken, seine Hand. Während er weiter erzählte, zog er seine Hand vorsichtig zurück.

Draußen wurde das Schneetreiben stärker. Die Zeit verging schnell, und bald setzte die Dämmerung ein. Die beiden Tassen auf dem Tisch waren schon lange leer.
Syngman war viel länger geblieben, als er beabsichtigt hatte und fühlte sich veranlasst, ein paar Abschiedsworte zu sprechen: „Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl und die schönen Momente, die Sie mir heute geschenkt haben, Miss Donner. Ich hoffe, Sie behalten meine Heimat und mich in guter Erinnerung. Ich glaube, wir müssen jetzt gehen, das Café schließt.

Und Ihre Frau Mama wird Sie ebenfalls schon beim Abendessen vermissen.“
„Ach, meine Mutter, die weiß gar nicht, dass ich hier bin. Ich möchte Ihnen und Ihrem Land so gerne helfen.“
„Dann helfen Sie, die Wahrheit über meine Heimat und über Japan in Ihrer schönen Heimat zu erzählen.“
„Nein, ich meine es sehr ernst. Ich will mehr machen. Ich kann zum Beispiel Schreibmaschine schreiben, ich spreche Englisch und Französisch. Ich könnte Ihre Texte übersetzen, Ihre Korrespondenz erledigen ... “
„Ich danke Ihnen vielmals, aber ... “
„Ich mache Ihnen ein Angebot. Während Sie in Europa tätig sind, kann ich für Sie als Sekretärin arbeiten, ganz ohne Bezahlung. Ich will Ihnen einfach zur Seite stehen und Sie in ihrem Kampf unterstützen.“....

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